
1000 Euro pro Infusion: Milliarden-Verschwendung bei Krebsmedikamenten?
20.07.2023NDR, WDR, SZ: Machen Apotheken Reibach zum Schaden der Krankenkassen?
"Interne Preislisten von Pharmahändlern zeigen die enormen Verdienstmöglichkeiten von Zytostatika-Apothekern bei der Herstellung von Krebsinfusionen in Deutschland", erklärt der Rechercheverbund von NDR, WDR, „Süddeutscher Zeitung“ und dem ARD-Magazin "Monitor", dem nach eigenen Angaben interne Preislisten von mehreren Großhändlern über mehrere Jahre vorliegen sollen.
Demnach können Apotheker mit einer einzigen Infusion bis zu 1.000 Euro extra verdienen – zusätzlich zur eigentlichen Herstellungspauschale der Krankenkassen von rund 100 Euro, die den Aufwand für die Zubereitung der Infusion abgelten soll.
Haben Apotheken also "Reibach" mit Krebsmedikamenten gemacht?
Generika bis zu 80 Prozent zu viel abgerechnet?
Auf den zitierten Listen seien die Preise von fast tausend Krebsmedikamenten notiert, berichten die Investigativ-Redaktionen. Dort sei für jedes Medikament die Erstattung der Krankenkasse für das Medikament eingetragen, dazu der tatsächliche oft sehr viel niedrigere Großhandelspreis für die Apotheker und schließlich der Verdienst, den diese pro Packung erzielen können.
Grundlage dafür sei eine besondere Genehmigung für die Zubereitung von Chemotherapie- und Antikörper-Infusionen. "Während bei über 90 Prozent aller Medikamente die Festpreisregelung gilt, dürfen Zytostatika-Apotheker ihre Einkaufspreise für Krebsmedikamente zur Herstellung von Infusionen mit den Pharmaherstellern und Großhändlern frei verhandeln", haben der Sender und die Zeitung herausgefunden. "Auch wenn dies nicht bei allen Krebsmedikamenten der Fall ist, liegen die tatsächlichen Preise bei den Wirkstoffen, deren Patentschutz abgelaufen ist (sogenannte Generika), demnach häufig 30 oder 40 Prozent, teilweise auch über 80 Prozent, unter den Preisen, die die Krankenkassen erstatten."
"Krankenkassen hätten eine halbe Milliarde Euro einsparen können"
NDR, WDR, „Süddeutsche Zeitung“ und „Monitor“ haben die Ausgaben der Krankenkassen für Krebsinfusionen mit den tatsächlichen Einkaufspreisen auf den Preislisten der Großhändler verglichen. "Allein bei den fünf umsatzstärksten Generika-Wirkstoffen hätten die Krankenkassen zuletzt pro Jahr bis zu eine halbe Milliarde Euro einsparen können", heißt es in dem Report. "Diese bis zu 500 Millionen Euro landen Jahr für Jahr bei rund 300 Apothekern, die in Deutschland die Erlaubnis haben, Krebsinfusionen zuzubereiten."
Der Sprecher des Spitzenverbands der gesetzlichen Krankenkassen, Florian Lanz, sagte dem Redaktionsnetzwerk zunächst, dass er die Preislisten der Apotheker nicht kenne. "Später räumte der GKV-Spitzenverband jedoch ein, dass er einmalig im Jahr 2020 vertraulich Ausschnitte aus solch einer Preisliste erhalten habe", sagen NDR, WDR und SZ. "Der AOK-Bundesverband versichert, die echten Einkaufspreise nicht gekannt zu haben."
Ärzte: Verdienstmöglichkeiten "absolut gerechtfertigt"
Der Vorsitzende der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft, Wolf-Dieter Ludwig, dagegen halte die enormen Verdienstmöglichkeiten der Zytostatika-Apotheker für „absolut ungerechtfertigt“, heißt es in dem "Monitor"-Beitrag. Dieses Geld könnte man in eine bessere schmerzmedizinische Versorgung von Krebspatienten investieren. Angesichts der vielen bekannt gewordenen Korruptionsfälle in der Zytostatika-Branche in den vergangenen Jahren hält Ludwig es für ein großes „Versäumnis, dass man in diesem Bereich diese enormen Gewinne weiterhin erlaubt und dort nicht schärfer durchgreift.“
Apothekerverband: "Unzureichend vergütete Herstellung wird kompensiert"
Der Präsident des Verbands der Zytostatika herstellenden Apothekerinnen und Apotheker (VZA), Klaus Peterseim, bezweifelt im Interview mit den Reportern nicht, „dass es in Einzelfällen gelingt, einen besonders günstigen Preis zu generieren“. Allerdings seien solche Preise nicht über das gesamte Sortiment möglich, sagt der VZA-Präsident. Außerdem „kompensiere“ man dadurch auch die Herstellung, die von den Kassen mit derzeit etwa 100 Euro „unzureichend vergütet“ werde. Die Kassen bestreiten, dass diese Vergütung zu niedrig sei. Im vergangenen Jahr lag die Herstellungspauschale noch zwischen 71 und 81 Euro.
Der TV-Beitrag zu diesem Thema wird am Donnerstag, 20. Juli 2023, ab 21.45 Uhr, im ARD-Magazin Monitor sowie am Donnerstag und Freitag im ARD-Hörfunk gesendet. Der Artikel erscheint auf SZ.de und tagesschau.de sowie am Samstag, 22. Juli 2023, in der „Süddeutschen Zeitung“.
Quelle: WDR Kommunikation
Bearbeitung: Achim Kaemmerer
Foto: stux/Pixabay
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